Warum warten? Ein Appell!

Der folgende Text wurde von einer Unterstützerin von BetterPolice eingesandt. Es handelt sich um eine Kollegin, der zum Glück auch nicht egal ist, wie sich die Polizei entwickelt und wie wichtig es ist, auch im Kleinen darauf hinzuwirken, dass diese Institution tolerant, offen und diskriminerungsfrei in Sprache und Handeln wird!

Polizeiwache, Besprechungsraum, ich betrete das Zimmer:
Kollege: Oh, jetzt müssen wir das Thema wechseln! Wir haben eine Frau am Tisch, hihihi.
Ich: Echt jetzt???
Kollege: Jetzt hab dich nicht so!

Polizeiwache, Besprechungsraum:
Chef: Dann wollte ich euch noch darüber informieren, dass es wir ein neues Logo haben.
Kollege II: Scheiße, sieht das schwul aus!
Ich: Inwiefern?
Kollege II: Hä? Sieht halt scheiße aus, die Farben und so.
Ich: Also ist „schwul” gleichbedeutend mit „scheiße“?
Kollege II: Boah (genervt), du weißt doch wie ich das meine…
Chef: Dann machen wir weiter mit den kommenden Beförderungsmöglichkeiten.

Streifenfahrt, Streifenwagen:
Kollege III: Ui schau mal, den kontrollieren wir. Der hat bestimmt was dabei!
Ich: Warum meinst du das?
Kollege III: Ja was soll der denn sonst hier machen?
Ich: Im Park sitzen und die Sonne genießen, auf Freunde warten, Pause von der Arbeit…. keine Ahnung!
Kollege III: Sag mal, wie naiv bist du eigentlich?
Ich: Würdest du den Mann auch kontrollieren wollen, wenn er deine Hautfarbe hätte?
Kollege III: Was soll diese Frage denn? Weiß doch jeder, dass die hier handeln! (Anm.: mit Betäubungsmitteln)
Ich: Wer „die“?
Kollege III: Na die *Nationalität*.
Ich: Und woher weißt du, dass der Mann hier *Nationalität* ist?
Kollege III: Natürlich weiß ich das nicht… 

Habe ich Lust auf solche Diskussionen? Immer und immer wieder? Lust darauf zu erklären, warum solche Kontrollen nicht nur nicht rechtmäßig sondern auch schlicht menschenverachtend sind? Lust darauf zu erklären, warum eine gerechte und tolerante Polizei wichtig ist und was es für Menschen bedeutet (nicht) darauf vertrauen zu können? Lust darauf zu erklären, dass der Satz „Ist ja nicht so gemeint, wenn ich »N****, Z*******, Homo, Fotze« (gefühlt unendliche Liste) sage!“ totaler Bullshit ist und es der zuvor getätigten Aussage keineswegs die darin enthaltene Diskriminierung nimmt? Lust darauf zu erklären, dass Diskriminierung vom Empfänger definiert wird und niemals vom Sender? Lust darauf zu erklären, dass Diskriminierung mit unserer Wortwahl beginnt? Lust darauf zu erklären, dass es auch positiven Rassismus gibt?

Nein, ich habe definitiv keine Lust immer wieder diese Diskussionen zu führen! Aber sie sind wichtig, jede einzelne von ihnen! Sie sind soooo unendlich wichtig! 

Mache ich mich damit unbeliebt im Kolleg:innenkreis? Wahrscheinlich. Gelte ich als „anstrengend“? Ja, bestimmt. Sagen die Kolleg:innen hinter meinem Rücken: „Bei der musst du aufpassen, was du sagst, die ist so empfindlich!“? Davon bin ich überzeugt! Ist das gefühlt ein Kampf gegen Windmühlen? Nein!!! Denn es gibt uns, diese anderen Polizeibeamt:innen und wir sind mehr als viele denken! Die meisten von uns sind nur leider sehr sehr leise…

Die Frage welche unsere Gesellschaft in diesem Zusammenhang seit dem Bekanntwerden rassistischer Gruppenchats von Polizist:innen umtreibt ist: Gibt es „strukturellen Rassismus“ innerhalb der Polizei und wenn ja, wie ausgeprägt ist dieser? Die Fragen, die mich als Polizistin daraufhin umtreiben sind: Was ist eigentlich dieser „strukturelle Rassismus“ von dem hier alle sprechen und ist der Kampf dagegen für mich als Polizeibeamtin der richtige Lösungsansatz um auf die alltäglich stattfindende Diskriminierung innerhalb der Polizei zu reagieren?

Denn natürlich gibt es Rassismus innerhalb der Polizei – ob strukturell oder nicht – und ohne Frage gibt es Rassismus, der aus der Polizei heraus nach Außen sichtbar wird, z.B. beim Racial Profiling. Und ist dieser Rassismus strukturell bedingt oder strukturell befördert, ist das schlimm und ein Problem! Eine Studie ist wichtig um zu ermessen, wie groß dieses Problem ist und wo mögliche Hebel für Lösungsansätze sein können. 

Doch ganz ehrlich, darauf will ich nicht warten! Ich möchte nicht darauf warten, bis von Außen ein Ergebnis an die Polizei herangetragen wird und weitere Monate bis Jahre vorübergehen, bis sich tatsächlich etwas ändert! Denn ich als Polizistin bin viel zu oft konfrontiert mit Diskriminierung in jeglicher Ausprägung seitens meiner Kolleg:innen.

Es ist Zeit JETZT etwas zu ändern. Es ist Zeit JETZT zu zeigen, dass wir da sind, all diese Polizist:innen die tolerante und weltoffene Menschen sind, die Diskriminierung keinen Raum geben, weil sie per se einfach menschenverachtend und inakzeptabel ist. Es ist JETZT Zeit, dass unsere Stimmen gehört werden! 

Und dabei geht es mir nicht darum, der Gesellschaft zu zeigen, dass es uns auch gibt. Nein, es geht vielmehr darum, unseren Kolleg:innen zu zeigen, dass es uns gibt und dass wir viele sind! Dass hier eine bislang schweigende Mehrheit schlummert, die vergessen hat wie wichtig es ist aufzubegehren oder die bislang zu viel Angst davor hatte in diesem alten, trägen, weißen, männlichen Apparat mit seinen alten, trägen, weißen, männlichen Strukturen.

Es ist Zeit, dass wir uns bewusst machen, dass nicht wir diejenigen sind, die „anstrengend“ sind oder „empfindlich“ oder diejenigen, die „illoyal“ sind. Die Kolleg:innenschweine sind die anderen! Die Kolleg:innenschweine sind die, die mit ihren falschen Ansichten und Wertvorstellungen lauter sind als wir und somit das Bild der Polizei in der Öffentlichkeit prägen. Das macht mich unglaublich traurig und unfassbar wütend! Es ist JETZT Zeit, dass sich das ändert, dass wir das ändern. Wir müssen nicht auf die Politik warten oder auf die Medien oder auf den Druck der Gesellschaft. Wir können JETZT anfangen lauter zu werden!

Als Mensch und Polizeibeamtin habe ich gefühlt einen „Nebenjob“. Dieser besteht darin, nicht nur innerhalb unserer Gesellschaft sondern auch innerhalb des Kreises der Kolleg:innen für Toleranz, Gerechtigkeitsbewusstsein und Aufgeklärtheit zu sorgen. Meiner Ansicht nach, sind wir zunächst als Menschen aber auch zusätzlich durch unsere Berufswahl „Polizei“ zu diesem „Nebenjob“ verpflichtet! Klar ist das manchmal anstrengend und aufreibend und möglicherweise auch karriereschädigend. Für mich steht es jedoch völlig außer Frage ein Mensch und eine Polizistin zu sein, die auch im Inneren des Polizeiapparates für die Werte und Überzeugungen eintritt, denen wir verpflichtet sind! 

Ein Zwischenstand – Transparenzmitteilung

Seit Gründung der Initiative und der darauf folgenden starken Presseresonanz sind auf sämtlichen Kanälen hunderte Rückmeldungen zu BetterPolice eingegangen.
Die Resonanz ist somit rein quantitativ überwältigend, allerdings sind erfreulicher Weise auch die Inhalte dieser Feedbacks nahezu allesamt positiv und bestärkend. Zudem gingen unzählige Angebote für eine Mithilfe ein. Die Zahl derer, die BetterPolice aktiv unterstützen mögen, ist großartig. Vielen Dank dafür!

Besonders spannend ist, dass entgegen einiger Befürchtungen nicht in der Hauptsache Menschen außerhalb der Polizei ihr Interesse und ihre Mitwirkung angekündigt haben, sondern eine herausragende Menge der Rückmeldungen von Polizist:innen kam – vom Auszubildenden bis zum Direktor in exponierter Führungsfunktion.

Um der Initiative eine stabile rechtliche Einfassung zu geben, wurde beschlossen, eine Registrierung einer Vereinigung vorzunehmen. Dies soll aufgrund der vielfältigen Fühlungsvorteile in Berlin geschehen.
Die Ausarbeitung einer Satzung, das Zusammenfinden von Gründungsmitgliedern sowie die Aufstellung eines ersten Vorstandes im Sinne des Vereinsrechts laufen gegenwärtig.
Die erste Planung sieht vor, eine unentgeltliche Mitgliedschaft bei BetterPolice für Jedermensch anzubieten.

Demokratieförderndes Engagement von Polizist:innen

Eine Debatte wird nicht fair und zielführend verlaufen, wenn sie als einseitig wahrgenommen wird und daher als pauschales Bashing empfunden werden könnte. Gerade Mitarbeitenden der Polizeibehörden mit gutem moralischen Kompass und hehren Zielen gefällt es häufig nicht, wegen des bekannt gewordenen Fehlverhaltens vieler Kolleg:innen in “Sippenhaft” (huhu, “Polizeifamilie”…) genommen zu werden.
Auch wenn man der Ansicht sein kann, dass Vertrauen (erst) verdient und vorbildliches Verhalten im Anschluss honoriert werden muss, kann es nicht schaden, auch auf die vielen positiven Aspekte aufmerksam zu machen, die von Polizeimenschen in ihrer Freizeit unternommen werden (z.B. Vereine und Initiativen zur Unterstützung von geflüchteten Menschen oder von kriegerischen Konflikten Betroffenen in ihren Heimatländern) oder auch aus dem Polizeibehörden selbst kommen.

Regelmäßig soll hier also auch auf Projekte mit Vorbildcharakter hingewiesen werden.
Den Anfang mache ich auf Hinweis von Arno Peper, der in den sozialen Netzwerken Vielen als “Ostfriesencop” bekannt ist. Arno arbeitet als Erster Polizeihauptkommissar beim Polizeikommissariat Emden und unterstützt dort als Demokratie-Pate das Ziel seiner Inspektion für Stärkung der Resilienz gegen antidemokratische Entwicklungen. Auch engagiert er sich als Privatmann öffentlich laut gegen die AfD.
Er hat uns den Hinweis auf die strategischen Bemühungen der niedersächsischen Polizei gegeben, wo man sich Gedanken zu einem “Polizeischutz für die Demokratie” gemacht hat. Dies kann als möglicher Best Practice-Ansatz hier nahvollzogen werden.

Außerdem sei auch auf die Stiftung für die internationalen Wochen gegen Rassismus hingewiesen. Hier ist es seit einiger Zeit auch möglich, sich als Botschafter für die Polizei zu engagieren, entweder in amtlicher Funktion oder auch als engagierte:r Bürger:in in Uniform. Diese Bemühungen werden aktiv von der Gewerkschaft der Polizei und dem Bund deutscher Kriminalbeamter unterstützt und sollen z.B. den Kontakt zwischen Zivilgesellschaft und staatlicher Exekutive fördern, um gegenseitiges Vertrauen auf- und auszubauen. Nähere Informationen finden sich hier.

Logo Engagiert gegen Rassismus

Wie können wir etwas erreichen?

Ich habe mich zur Gründung von BetterPolice entschieden, weil ich mit Blick auf die Erreichbarkeit des Zieles – eine reformierte Polizei, die bürger:innenfreundlich, diskriminierungsfrei, weltoffen, divers und kritikfähig ist – fest überzeugt bin, dass ein gesamtgesellschaftlicher und parteiunabhängiger Ansatz der aussichtsreichste Weg ist.

Ich habe von 2013 bis 2021 im Vorstand der Berufsvereinigung PolizeiGrün mitgearbeitet, die letzten drei Jahre als 1. Vorsitzender. Trotz beachtlicher Erfolge wie große Medienresonanz und Verfünffachung der Mitgliederzahlen während meines Vorsitzes hatte ich immer den Eindruck, dass die schon allein aufgrund des Namens wahrgenommene Nähe zur grünen Partei auch ein Hemmnis sein kann.
Nicht alle Menschen, die ebenso vom Reformbedarf der Polizei überzeugt sind, erreicht man mit diesem parteipolitischen Hintergrund. Insbesondere viele Kolleg:innen bei der Polizei, aber auch Angehörige anderer Sicherheitsberufe, reagierten meist (bestenfalls) zurückhaltend bis ablehnend, nachdem sie von der grünen Agenda erfuhren.

Tragisch ist, somit viele gute Menschen, mit denen etwas zu bewegen wäre, gar nicht erst erreichen zu können. Die Angst, gegen die Neutralitätspflicht oder das Mäßigungsgebot zu verstoßen, ist (wenn auch unbegründet) ein weiteres Problem bei Beamt:innen.

Hinzu kommt, dass viele Aktivist:innen und Medienschaffende, die hierzulande häufig Vorreiter:innen bei der Diskussion um polizeiliches Fehlverhalten und nötiger Reformen sind, sich nicht von einem rein polizeilichen Berufsverband angesprochen fühlen.
Dies ist der Hauptgrund für mich, mein politisches Engagement zur Verbesserung der Polizei nun der Initiative BetterPolice zu widmen.

Doch was kann so bewirkt werden?

Einen Vorteil sehe ich darin, vorab keine Festlegungen bei der Betätigung oder gar Denkverbote anzustellen.
BetterPolice soll eine Informations- und Ansprechstelle werden, um gemeinsam mit Anderen das Ziel einer verbesserten Polizei anzugehen. Die Mittel und Möglichkeiten sind potentiell extrem vielfältig.

Wichtig ist freilich eine mediale Präsenz, um Bekanntheit und Rückhalt zu erreichen. Dies sollte möglich sein in einer Medienlandschaft, in der bei Themen der inneren Sicherheit noch immer die Polizeigewerkschaften mit ihrer selbst zugewiesenen Deutungshoheit dominieren. Journalist:innen können durch BetterPolice alternative Sichtweisen und moderne Ansätze bei Polizeithemen vermittelt werden, denen es nicht an Expertise fehlt, die jedoch häufig um den Aspekt der von Polizeiarbeit Betroffenen ergänzt werden können.

Mitglieder der Initiative sollen die Medienlandschaft mit sachlich-kritischen Veröffentlichungen bereichern. Dies kann in Form von selbst im Internet veröffentlichten Stücken, aber auch durch Kolumnen, Podcasts und Videocasts und ähnlicher Formate erfolgen. Die Nutzung sozialer Medien rundet das Angebot ab.

Angesprochen fühlen kann sich somit jedermensch, der auf den Plattformen von BetterPolice (Gast-) Beiträge zur Polizei veröffentlichen mag und somit eine eigene Perspektive auf die Sicherheitsbehörden wiedergeben möchte.
Perspektivisch können sich Menschen aus allen Bereichen, auch aus NGO-Institutionen mit Beratungs- und Opferschutzauftrag, freie Journalist:innen sowie Künstler:innen und Autor:innen am Kollektiv beteiligen.

Der Weg ist das Ziel. Und wir bauen ihn gemeinsam.

Oliver von Dobrowolski
Gründer von BetterPolice